Dissertation
Domhardt, Konstanze
 

DIE CIAM-DEBATTEN ZUM STADTZENTRUM UND DIE AMERIKANISCHE NACHBARSCHAFTSTHEORIE. EIN TRANSATLANTISCHER IDEENAUSTAUSCH, 1937–1951

Zu ihrer dritten Nachkriegstagung in Hoddesdon bei London 1951 veröffentlichten die Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) eine Publikation, deren Ansatzpunkt und Programmatik in ihrem Titel zusammengefasst sind: The Heart of the City: Towards the Humanisation of Urban Life. Sie dokumentiert die Ausrichtung der Kongressdebatten auf die soziale und kulturelle Dimension der Stadt und erhebt das Stadtzentrum zum wichtigsten Gegenstand ihrer Betrachtung. Die didaktischen Textbeiträge des Buches widmen sich der Nutzung öffentlicher Stadträume und liefern stichhaltige Argumente für eine Re-Zentralisierung urbaner Bereiche. Obschon in der gegenwärtigen planungstheoretischen Diskussion diesen Tendenzen innerhalb der CIAM viel Bedeutung zugesprochen wird, weiss man bis heute wenig über ihre Ursprünge. Die vorliegende ideen- und beziehungsgeschichtliche Studie erhellt, dass die Anfang der 1950er Jahre durch die Kongresse präsentierte integrative Stadtkonzeption kein Produkt der Nachkriegszeit war. Vielmehr gründete sie auf einer anderthalb Jahrzehnte andauernden Theoriebildung. Diese wurde durch einen kontinuierlichen transatlantischen Austausch motiviert und weniger durch die in Europa periodisch abgehaltenen Zusammenkünfte der Organisation. Dass die amerikanische Nachbarschaftstheorie für das Vorhaben der CIAM Pate stand, Stadtplanung zukünftig als ein Planen für die Stadtgemeinschaft, als „community planning“ aufzufassen und die Stadt über ein Netz aus Haupt- und Unterzentren hierarchisch zu gliedern, ist die zentrale Arbeitsthese dieser Untersuchung.
Um über den Einfluss der Nachbarschaftsidee auf die Städtebautheorie der CIAM Klarheit zu erlangen, wurden weniger die Tagungsberichte, Presseerklärungen und Veröffentlichungen im Namen der Organisation als Quellen herangezogen, die bereits Gegenstand verschiedener Darstellungen waren. Stattdessen richtete sich die Recherche auf die Zeugnisse, die im Privaten entstanden, demgemäss nicht als Kongressunterlagen für die Nachwelt aufbereitet wurden und sich meist einfacher Einordnung entziehen. Hier stehen erstmalig die Korrespondenzen der CIAM-Protagonisten im Zentrum der Forschung. Darüber wird dem generellen Meinungsaustausch unter den Vertretern der Organisation auch ausserhalb der Kongressarbeit ein besonderes Gewicht verliehen. Dieser belegt, dass die entscheidenen konzeptionellen Ansätze für die Beschäftigung mit dem Stadtzentrum in den Jahren zwischen CIAM 5 (1937) und CIAM 6 (1947) entwickelt wurden und in der Folge den städtebaulichen Debatten der Nachkriegs-CIAM bis Anfang der 1950er Jahre als Leitlinie dienten. Vor diesem Hintergrund interessiert insbesondere, ob die urbanistischen Prämissen der CIAM der späten 1920er und frühen 1930er Jahre in der Arbeit der einzelnen Protagonisten während des Krieges erkennbar blieben oder ob sich ihr Blick auf die Stadt durch die Beschäftigung mit den amerikanischen Vorbildern massgeblich wandelte.
Die Arbeit gliedert sich über einen Dreischritt: Erstens wird rekonstruiert, wie die weitreichenden Überlegungen zu einer Nachbarschaftsplanung Eingang in das Wirken einzelner CIAM-Vertreter fanden. Welche Umstände ermöglichten den transatlantischen Dialog, wer leitete ihn? Zweitens wird diskutiert, ob die Vorbilder unverändert übernommen oder unter bestimmten Gesichtspunkten interpretiert und weiterentwickelt wurden. In welcher Form man die amerikanischen Vorgaben in die gemeinsame Kongressarbeit einfliessen liess und als Instrumente der Planung für die Stadt der Nachkriegszeit nutzbar machte, wird abschliessend untersucht. Die drei Hauptkapitel der Arbeit vollziehen die historischen Entwicklungen nur indirekt chronologisch nach. Die Handlungsstränge, welche das erste Kapitel zwischen 1937 und Mitte der 1940er Jahre im amerikanischen Raum auslegt, werden im dritten Kapitel, dessen Schauplätze überwiegend in Europa angesiedelt sind, wieder aufgegriffen und für den Zeitraum bis 1951 fortgesetzt. In diesen Rahmen spannt sich das zweite Kapitel, das für den gesamten Betrachtungszeitraum die städtebaulichen Auseinandersetzungen einzelner Protagonisten im transatlantischen Exil und auf der britischen Insel vertieft und mit seiner Innenperspektive ein wichtiges Pendant zum offiziellen Kongressgeschehen erzeugt.

Laufzeit: 2004-2008, abgeschlossen

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Dr.sc. Konstanze Domhardt