Forschungsprojekt und Dissertation
Gutbrod, Cristina
Gustav Gull zählt zu den bedeutendsten Architektenpersönlichkeiten des Späthistorismus in der Schweiz. Seine Hauptwerke befinden sich in Zürich: Das Schweizerische Landesmuseum (erbaut 1892–1898), das Stadthaus im Fraumünsteramt (erbaut 1898–1901), der von 1903–1914 in Teilen realisierte Verwaltungskomplex auf dem Oetenbachareal mit der Sternwarte Urania sowie die 1925 fertig gestellte Erweiterung des von Gottfried Semper entworfenen Hauptgebäudes der ETH sind Wegmarken in der architektonischen und städtebaulichen Entwicklung Zürichs zwischen der ersten und zweiten Eingemeindung 1893 und 1934; die Bauten prägen das Stadtbild bis heute.
Gull wurde 1858 als Sohn des Baumeisters Rudolf Gottlieb Gull in Altstetten bei Zürich geboren. Während des Studiums am Polytechnikum fand er in Julius Stadler, der Sempers Lehre an der Bauschule weiterführte, einen Mentor und Freund. Seinen ehrgeizigen Berufszielen konnte sich der junge Architekt mit dem Bau des eidgenössischen Postgebäudes in Luzern (1886–1888) annähern; der Auftrag war 1885 aus einem Wettbewerb hervorgegangen. Gulls eigentliche Karriere nahm jedoch mit dem Entwurf des Landesmuseum 1890 ihren entscheidenden Aufschwung. Sein Projekt trug wesentlich dazu bei, dass Zürich den Städten Luzern, Basel und Bern vorgezogen und von der Bundesversammlung als Museumsstandort gewählt wurde. Hans Conrad Pestalozzi konnte zwei Jahre nach seiner Wahl zum Stadtpräsidenten ein Grossprojekt von nationaler Ausstrahlung für Zürich vorweisen. Nach diesem Erfolg galt es, die Dienste des begabten Entwerfers Gull für die nach der ersten Eingemeindung anstehende Errichtung repräsentativer städtischer Verwaltungsbauten zu sichern. Dazu wurde Gull 1895 als zweiter Stadtbaumeister Arnold Geiser zur Seite gestellt. Die Amtstätigkeit gab er 1900 zugunsten einer Professur an der Architektenschule des Eidgenössischen Polytechnikums auf. Der Entwurf für die Stadthausbauten auf dem Areal des ehemaligen Oetenbachklosters, den er als Stadtbaumeister 1897 begonnen hatte, wurde ihm von der Stadt zur weiteren Ausarbeitung übertragen. Gull führte den damals wichtigsten städtischen Grossauftrag als freier Architekt aus und hatte gleichzeitig den Status eines Professors am Polytechnikum inne. Seine Karriere war bestimmt von Verflechtungen mit der Baupolitik: Im städtischen Baukollegium, in städtischen und kantonalen Baukommissionen und in Preisgerichten übte er seinen Einfluss auf das zürcherische Baugeschehen weiterhin aus. Zudem war er Präsident des ZIA, Mitbegründer der Zürcher Kunstgesellschaft und der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz wie auch Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission. Anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des Polytechnikums wurde ihm 1905 der Ehrendoktor der Universität verliehen – Gull stand im Zenit des beruflichen und gesellschaftlichen Ansehens. Während er seine Autorität als Entwerfer 1909 mit dem Wettbewerbserfolg für die Erweiterung der Polytechnikumsbauten manifestierte, wurde ihm 1911 vehemente Kritik seitens der jüngeren Architektengeneration entgegengebracht. Diese betraf das Stadthausprojekt auf dem Werdmühle- und Oetenbachareal wie auch seine Rolle als bevorzugter Architekt der Stadtbehörden. Obwohl Gulls Architekturauffassung gegenüber modernen Entwurfsvorstellungen in der Folge zunehmend an Geltung verlor, brachte er sich bis in die 1930er Jahre mit Projektentwürfen in die laufende Planungsdiskussion ein, wobei sich sein Interesse auf den Umbau des Zürcher Hauptbahnhofs richtete. Neben der Ausführung der Bauten für die ETH setzte er sich seit 1910 mit der Erweiterung des Landesmuseums an den von ihm dafür vorgesehenen Stellen im Osten und Westen des bestehenden Baus auseinander. Noch kurz vor seinem Tod 1942 arbeitete er an der städtebaulichen Vollendung des Amtshausquartiers; die Verwirklichung des zentralen Stadthauses über der Uraniastrasse, das Gull als Kernstück der Planung konzipiert hatte, war nach 1917 von den Stadtbehörden nicht mehr erwogen worden.
Im Zentrum der Dissertation steht Gulls Wirken als Architekt der Stadt Zürich zwischen 1890 und 1910. In dieser Zeitspanne bearbeitete er die wichtigsten städtischen Grossbauten und Grossprojekte und bestimmte Zürichs bauliche Entwicklung in einflussreichen Entscheidungsgremien massgeblich mit. Seine Entwurfstätigkeit war untrennbar mit Zürichs öffentlicher Bau- und Stadtplanung verbunden.
Gustav Gulls Entwürfe werden aus den Entstehungsgeschichten heraus erklärt. Dabei wird untersucht, welche städtebaulichen Visionen und architektonischen Vorstellungen er verfolgte und wie er diese im Kontext baupolitischer Planungsabläufe verwirklichte: Als Städtebauer gelang es Gull, stadtplanerische Vorgaben und Repräsentationswünsche der Stadtregierung zu erfüllen und zugleich die historische Stadtsubstanz zu überliefern. Darüber hinaus wird deutlich, wie sich Gull als Zürichs Stadtarchitekt etablierte, wie er seine Entwurfsideen durchsetzte und welche beruflichen Netzwerke er unterhielt. Die detaillierte Aufarbeitung komplexer Projektierungsprozesse ermöglicht es, Gustav Gulls architektonische und städtebauliche Leistungen auch im Zusammenhang der damaligen Baupolitik zu erfassen.
Die vorliegende Darstellung enthält eine erste zusammenhängende Untersuchung von Gustav Gulls Leben und Werk. Grundlage der Forschung bildet der nahezu vollständige Gull-Nachlass im gta Archiv. Der Bestand wurde unter Einbezug des umfangreichen Quellenmaterials in externen Archiven im Rahmen der Dissertation erstmals wissenschaftlich ausgewertet.
Bild:
Amtshaus III (rechts), Lindenhofstrasse und Amtshaus IV (links), erbaut 1911–1914. Im Hintergrund steht die 1905–1907 von Gull realisierte Sternwarte Urania. Vor den Amtshäusern ist der Bauplatz für Gulls über die Stadthausstrasse hinweggreifendes Stadthaus freigehalten.
Foto: Heinrich Wolf-Bender, vermutlich 1914, gta-Archiv 22-06-F: AuG-2a.
Laufzeit: 2004–2009
Gutbrod, Cristina
Gustav Gull zählt zu den bedeutendsten Architektenpersönlichkeiten des Späthistorismus in der Schweiz. Seine Hauptwerke befinden sich in Zürich: Das Schweizerische Landesmuseum (erbaut 1892–1898), das Stadthaus im Fraumünsteramt (erbaut 1898–1901), der von 1903–1914 in Teilen realisierte Verwaltungskomplex auf dem Oetenbachareal mit der Sternwarte Urania sowie die 1925 fertig gestellte Erweiterung des von Gottfried Semper entworfenen Hauptgebäudes der ETH sind Wegmarken in der architektonischen und städtebaulichen Entwicklung Zürichs zwischen der ersten und zweiten Eingemeindung 1893 und 1934; die Bauten prägen das Stadtbild bis heute.
Gull wurde 1858 als Sohn des Baumeisters Rudolf Gottlieb Gull in Altstetten bei Zürich geboren. Während des Studiums am Polytechnikum fand er in Julius Stadler, der Sempers Lehre an der Bauschule weiterführte, einen Mentor und Freund. Seinen ehrgeizigen Berufszielen konnte sich der junge Architekt mit dem Bau des eidgenössischen Postgebäudes in Luzern (1886–1888) annähern; der Auftrag war 1885 aus einem Wettbewerb hervorgegangen. Gulls eigentliche Karriere nahm jedoch mit dem Entwurf des Landesmuseum 1890 ihren entscheidenden Aufschwung. Sein Projekt trug wesentlich dazu bei, dass Zürich den Städten Luzern, Basel und Bern vorgezogen und von der Bundesversammlung als Museumsstandort gewählt wurde. Hans Conrad Pestalozzi konnte zwei Jahre nach seiner Wahl zum Stadtpräsidenten ein Grossprojekt von nationaler Ausstrahlung für Zürich vorweisen. Nach diesem Erfolg galt es, die Dienste des begabten Entwerfers Gull für die nach der ersten Eingemeindung anstehende Errichtung repräsentativer städtischer Verwaltungsbauten zu sichern. Dazu wurde Gull 1895 als zweiter Stadtbaumeister Arnold Geiser zur Seite gestellt. Die Amtstätigkeit gab er 1900 zugunsten einer Professur an der Architektenschule des Eidgenössischen Polytechnikums auf. Der Entwurf für die Stadthausbauten auf dem Areal des ehemaligen Oetenbachklosters, den er als Stadtbaumeister 1897 begonnen hatte, wurde ihm von der Stadt zur weiteren Ausarbeitung übertragen. Gull führte den damals wichtigsten städtischen Grossauftrag als freier Architekt aus und hatte gleichzeitig den Status eines Professors am Polytechnikum inne. Seine Karriere war bestimmt von Verflechtungen mit der Baupolitik: Im städtischen Baukollegium, in städtischen und kantonalen Baukommissionen und in Preisgerichten übte er seinen Einfluss auf das zürcherische Baugeschehen weiterhin aus. Zudem war er Präsident des ZIA, Mitbegründer der Zürcher Kunstgesellschaft und der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz wie auch Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission. Anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des Polytechnikums wurde ihm 1905 der Ehrendoktor der Universität verliehen – Gull stand im Zenit des beruflichen und gesellschaftlichen Ansehens. Während er seine Autorität als Entwerfer 1909 mit dem Wettbewerbserfolg für die Erweiterung der Polytechnikumsbauten manifestierte, wurde ihm 1911 vehemente Kritik seitens der jüngeren Architektengeneration entgegengebracht. Diese betraf das Stadthausprojekt auf dem Werdmühle- und Oetenbachareal wie auch seine Rolle als bevorzugter Architekt der Stadtbehörden. Obwohl Gulls Architekturauffassung gegenüber modernen Entwurfsvorstellungen in der Folge zunehmend an Geltung verlor, brachte er sich bis in die 1930er Jahre mit Projektentwürfen in die laufende Planungsdiskussion ein, wobei sich sein Interesse auf den Umbau des Zürcher Hauptbahnhofs richtete. Neben der Ausführung der Bauten für die ETH setzte er sich seit 1910 mit der Erweiterung des Landesmuseums an den von ihm dafür vorgesehenen Stellen im Osten und Westen des bestehenden Baus auseinander. Noch kurz vor seinem Tod 1942 arbeitete er an der städtebaulichen Vollendung des Amtshausquartiers; die Verwirklichung des zentralen Stadthauses über der Uraniastrasse, das Gull als Kernstück der Planung konzipiert hatte, war nach 1917 von den Stadtbehörden nicht mehr erwogen worden.
Im Zentrum der Dissertation steht Gulls Wirken als Architekt der Stadt Zürich zwischen 1890 und 1910. In dieser Zeitspanne bearbeitete er die wichtigsten städtischen Grossbauten und Grossprojekte und bestimmte Zürichs bauliche Entwicklung in einflussreichen Entscheidungsgremien massgeblich mit. Seine Entwurfstätigkeit war untrennbar mit Zürichs öffentlicher Bau- und Stadtplanung verbunden.
Gustav Gulls Entwürfe werden aus den Entstehungsgeschichten heraus erklärt. Dabei wird untersucht, welche städtebaulichen Visionen und architektonischen Vorstellungen er verfolgte und wie er diese im Kontext baupolitischer Planungsabläufe verwirklichte: Als Städtebauer gelang es Gull, stadtplanerische Vorgaben und Repräsentationswünsche der Stadtregierung zu erfüllen und zugleich die historische Stadtsubstanz zu überliefern. Darüber hinaus wird deutlich, wie sich Gull als Zürichs Stadtarchitekt etablierte, wie er seine Entwurfsideen durchsetzte und welche beruflichen Netzwerke er unterhielt. Die detaillierte Aufarbeitung komplexer Projektierungsprozesse ermöglicht es, Gustav Gulls architektonische und städtebauliche Leistungen auch im Zusammenhang der damaligen Baupolitik zu erfassen.
Die vorliegende Darstellung enthält eine erste zusammenhängende Untersuchung von Gustav Gulls Leben und Werk. Grundlage der Forschung bildet der nahezu vollständige Gull-Nachlass im gta Archiv. Der Bestand wurde unter Einbezug des umfangreichen Quellenmaterials in externen Archiven im Rahmen der Dissertation erstmals wissenschaftlich ausgewertet.
Bild:
Amtshaus III (rechts), Lindenhofstrasse und Amtshaus IV (links), erbaut 1911–1914. Im Hintergrund steht die 1905–1907 von Gull realisierte Sternwarte Urania. Vor den Amtshäusern ist der Bauplatz für Gulls über die Stadthausstrasse hinweggreifendes Stadthaus freigehalten.
Foto: Heinrich Wolf-Bender, vermutlich 1914, gta-Archiv 22-06-F: AuG-2a.
Laufzeit: 2004–2009


